„Clase Creativa“
Die Entstehung eines Zirkusprojektes in El Salvador

Bericht von Karin Kärcher, Projektleiterin

Schule, Abi fertig, und was dann?
Studium oder Ausbildung? Ich begann ein wenig herumzuschnuppern, doch wie so oft im Leben purzeln plötzlich ganz andere Dinge dazwischen....
„Möchtest du in El Salvador in der Waldorfschule ein Zirkusprojekt aufbauen?“
Ich? Alleine? Gleich nach dem Abi?
Mir kamen einige Zweifel, obwohl mich die Idee faszinierte.
Schon seit einiger Zeit war ich im Circus Waldoni, einem Kinder- und Jugendcircus, aktiv, nicht nur, weil ich selber gerne jongliere und einradele, sondern wegen der Kinder, deren Freude, Begeisterung und Kreativität .

Wenige Monate später in El Salvador

Schwüle, heiße Luft umgab mich plötzlich, als ich in San Salvador, der Hauptstadt des Landes, mit meinem Koffer voller Zirkuskram ankam. Bald hatte ich auch den Lehrer, der mich abholen sollte, gefunden und gemeinsam fuhren wir zu meinem zukünftigen Zuhause, in dem ich die nächste Zeit wohnen konnte.
Die Fahrt war lang und führte uns gegen Ende durch immer bergigeres Gelände.....Plötzlich ein Stau...eine Menschenmenge an einer Straßenecke. Was ist passiert? Noch vor einer Antwort sehe ich  selbst:...ein Mann...auf dem Bürgersteig...erschossen. Eine Impression, die mich spüren ließ, nun wirklich in einem anderen Land zu sein, mit einer anderen, traurigen und blutigen Geschichte.
Die erste Zeit nutzte ich hauptsächlich, um die Schule, die Lehrer und die Kinder kennenzulernen. „La Rosa Blanca“ ist eine öffentliche Schule mit 5 Klassen, und bis jetzt noch die einzige Waldorfschule in ganz Zentralamerika.
Was für eine Freude die Kinder beim Stelzenlaufen hatten und wie unermüdlich sie Seil hopsten! Ich begann mit einigen Klassen Jonglierbälle zu basteln und ab dann waren die Pausen für mich keine Pausen mehr, denn überall waren Kinder am Fangenspielen, Jonglieren oder versuchten auf Händen zu laufen... und alle riefen sie : „Maestraaaaaa“ („Lehrerin“),..ja ja, an diesen Namen musste ich mich als frischgebackene Abiturientin erst einmal gewöhnen.
Überhaupt gab es viele Dinge, die anfangs für mich sehr ungewöhnlich waren.
Manchmal hatten wir z. B. tagelang kein Wasser, ob wegen Rohrbruch oder Demonstrationen? –  die Regierung weiß, durstige Menschen haben andere Probleme als auf die Straße zu gehen! Wenn dann alle Wasserreserven aufgebraucht waren und die Wasserhähne nur noch zischende Geräusche von sich gaben.....dann, was für eine Wohltat war es, wenn es zu regnen begann! In heftigen Wolkenbrüchen prasselte es dann auf unser Wellblech, bis aufgrund der Löcher im Dach  kleine Pfützen den Boden besprenkelten.
Die Kinder waren so lernbegierig, dass ich bald eine Art Circus- Ag am Nachmittag anbot. Tja, da hatte ich dann alle Hände und Füße voll zu tun. Gerade die erste Woche war Chaos pur und ich machte mir ernsthafte Sorgen, ob das überhaupt noch weitergeht... alleine mit 30 Kindern im Alter von 5 bis 17 Jahren!
Da kam eines Tages eine Mutter eines Kindes, erklärte, sie wolle mir helfen, da ihre Tochter so begeistert sei. Ja und dann fand ich noch zwei weitere Personen und Stück für Stück begann die Entstehung eines kleinen Projektes.
Mit der Zeit kristallisierte sich auch eine Gruppe von Kindern heraus, die jeden Nachmittag kamen. Das Klischee der Unpünktlichkeit der Südländler habe ich bei diesen Kindern jedenfalls nicht erlebt, denn sie kamen nachmittags teilweise 1 1/2 Stunden zu früh! Und mit viel Freude, Ausdauer und Kreativität übten sie, und übten und übten....und wollten am liebsten gar nicht mehr aufhören ! Und so kam dann auch bald eine Aufführung zustande, für die auch noch ein Name gefunden werden musste. Da das Wort „Circus“ in El Salvador etwas Anrüchiges hat – fahrendes Volk, Vagabunden, Nichtsnutze – entstand der Name „Clase creativa“ für unsere Gruppe.
Die Aufführung war ein großes Ereignis, nicht nur für die Zuschauer, sondern besonders für die Kinder. Viele von Ihnen kannten nur die Straße....hatten noch nie auf der Bühne gestanden...
Während der Aufführung...mucksmäuschenstille! Danach: dröhnender Applaus, der am Schluss gar nicht mehr enden wollte!
Die Kinder hatten mit ihrer Freude auch Erwachsene motiviert und so hatte ich bald eine Hand voll Menschen zusammen, die das Projekt in Zukunft weiter unterstützen wollten. Gemeinsam überlegten wir Pläne für die kommende Zeit, in der ich nicht mehr da sein würde.
Ja, das Projekt hatte klitzekleine Wurzeln geschlagen.

Der Abschied fiel schwer...

Mein Koffer war nun nicht mehr mit Einrädern, Bällen und Diabolos gefüllt, sondern mit Bildern, Gebasteltem und vielen Briefen. Schon vor einiger Zeit hatte bereits der erste Briefwechsel stattgefunden zwischen den Kindern in El Salvador und den Circuskindern in Deutschland. Während meiner Reise hatte ich das Gefühl auf einer Brücke zu sein...zwischen zwei Ländern, die so verschieden sind wie zwei Welten.
In der Tat war es ein großer Kulturschock wieder im „satten, reichen“ Deutschland zu sein. „Wie bist du mit der Armut klargekommen?“, eine oft gestellte Frage, die mich an ein Erlebnis erinnert, als ich einmal in San Salvador die staubigen Strassen Richtung Zentrum entlanglief....
Der Weg war mir vertraut, doch an jenem Tage schien er mir trostloser denn je. Rechts und links Wellblechbaracken in verschiedenartigen Braun und Grautönen, je nach Fortschritt des Verrostungsprozesses.....Radios dröhnen die neusten Hits aus den USA....
Kinder verkaufen Süßigkeiten.... Bemalte Mauern an denen die Farbe abblättert, werden wieder mit neuer Wahlpropaganda beschrieben.... Neben den grauen Hütten riesige Reklame-Schilder... Werbeplakate suchen die Aufmerksamkeit derjenigen, auf die nie ein Mensch aufmerksam ist....derjenigen, die nichts haben....also, die große breite Bevölkerung. 43% der Menschen leben unterhalb der Armutsgrenze. Doch der Schrei nach Veränderung scheint verklungen, nur hier und da verhallt er als Echo in Demonstrationen und Märschen...Resignation liegt in der Luft. was hat sich verändert nach dem 12-jährigen Bürgerkrieg?
Der große Einfluss der USA verleiht dem Land einen Mantel der Veränderung und Verbesserung. Große Metrozentren sprießen nun überall aus dem Boden, und bilden zu den Wellblech-Hütten geradezu ein Paradoxon. Auch in mir spürte ich plötzlich zum ersten Mal einen Hauch von Resignation.
Da hörte ich plötzlich die Schritte kleiner Kinderfüße neben mir und eine kleine Hand schob sich in die meinige. Es war eines der Kinder, die nachmittags zum Circus kamen und fragend schaute es mich mit seinen dunklen Augen an :“Wie geht das Lied weiter?“ „Welches Lied?“ Ich war noch völlig  in meinen Gedanken versunken. Da begann das Kind zu singen:

„Quiero viajar en un circo, con carros de varios colores....“
(„Ich möcht mit einem Zirkus ziehn, mit vielen bunten Wagen.....")


Mir war, als ob plötzlich ein Sonnenstrahl die graue Trostlosigkeit in ein neues Licht tauchte, als wir gemeinsam die Straße entlangliefen und die nächsten Zeilen sangen...

“....die meine Welt und deine Welt auf ihren Rädern tragen...“

 Ich möcht der engen Welt entfliehen,
mit meinen sieben Sachen
sechs Träume und ein Schaukelpferd
und Zeit zum Sachen machen.

Ich möcht mit einem Zirkus ziehn,
mit Mädchen und mit Knaben,
weiß, rot sind sie, und gelb und schwarz,
so pechschwarz wie die Raben.

Ich möcht mit ihnen Hand in Hand
auf einem Traumseil wandern
und ohne abzustürzen
gehen
von einer Welt zur andern.

 die meine Welt und deine Welt
Ich möcht mit einem Zirkus ziehn,
mit vielen bunten Wagen,
auf Rädern heimwärts tragen.